Foto: Rebekka Redinger-Kneißl
Sie sind unterwegs: verkleidete Männer, die besonders an diesem Wochenende in die Rolle des Heiligen Bischof Nikolaus schlüpfen. Sie blicken in strahlende Kinderaugen und auch für viele Erwachsene hat der Mann mit Mytra, Stab und goldenem Buch immer noch eine ganz besondere Anziehungskraft.
Oft ist er nicht allein unterwegs. Ein düsterer Geselle, Knecht Ruprecht oder der Krampus begleitet ihn. Kinder verstecken sich angsterfüllt vor ihm. Oder aber das Gejohle ist groß, wenn dieser bei so mancher Vereinsfeier mit seiner Rute auszieht und dem Vorstand so richtig eins mitgibt. Währenddessen liest der Nikolaus seine Verse vor und überprüft, ob auch ja jeder ‚brav‘ war.
Ich habe so meine Zweifel, ob sich alle immer der Verantwortung ihrer Rolle bewusst sind.
Er muss schon Vieles mitmachen, dieser Heilige, der der Legende nach weder der Oberlehrer in Erziehungsfragen war, noch die Witzfigur, die jede Peinlichkeit noch einmal, schön ausgeschmückt zum Besten gibt. Vielmehr hat er die Notlagen seiner Mitmenschen gesehen und ihnen ermöglicht, ohne großen Aufhebens, wieder in Würde zu leben und das zu tun, was wir allem am besten können – Mensch sein.
Aus einem übersteigerten Heiligenkult heraus, wurde ihm schließlich ein Gegenspieler zur Seite gestellt. Eine dunkle Gestalt mit vielfältigen Namen und unterschiedlichem Aussehen. Es ist ein Stück weit ehrlicher und realitätsnäher, dass es auch diese Seite gibt. Jede und jeder trägt sie in sich, ob wir wollen oder nicht – die gute und die böse Seite, die Lichtblicke und die Abgründe.
Der Heilige Nikolaus zeigt uns dabei vor allem, welche Seite die Oberhand behält. Nicht umsonst spricht man bei Knecht Ruprecht von einem Gesellen. Der Lehrmeister ist ein anderer, am Ende nämlich Jesus Christus selbst.
Wir könnten also das Fest des Heiligen Nikolaus zum Anlass nehmen, dass wir das Leben so annehmen, wie es nun einmal ist – mit hellen und dunklen Seiten – und uns selber überprüfen, wann wir welcher Seite die Oberhand gewinnen lassen.
Wenn wir dann, besonders im Miteinander, uns gegenseitig zum Guten antreiben und den anderen Mensch sein lassen, dann ist der Heilige Nikolaus ein wahrer Wegbereiter dessen, dessen Menschwerdung wir bald feiern – Gott mit uns.
Rebekka Redinger-Kneißl
Direktorin Haus der Begegnung HEILIG GEIST
Referentin für die Priester der Weltkirche im Bistum Passau


