Haben Sie eine Kundenkarte? Haben Sie schon Ihre App gescannt? Darf Ihre Smartwatch Ihre Bewegungsdaten an Ihre Krankenkasse weiterleiten?
Nahezu täglich haben wir mit solchen Fragen zu tun. Für die einen ist es einfach ein Teil unseres Alltags geworden, mit einem kurzen Piepton ist alles erledigt. Juhu, ich habe mir wieder einen Rabatt verdient. Für andere ist es ein lästiges Ärgernis. Nein ich möchte nicht, dass jedes Unternehmen meine Daten sammeln, nutzen und am Ende sogar weiterverkaufen darf.
Der gläserne Bürger ist ein Begriff, der sich zunehmend als Synonym für die Sammlung von Daten herausgebildet hat und auch für die Angst vor einer totalen Überwachung, Durchleuchtung und somit Kontrolle steht. Die Vorstellung einer Institution völlig ausgeliefert zu sein wird aktuell noch einmal befeuert durch den Einzug von KI in alle Facetten unseres Alltags. Nicht wenige erschaudern beim Gedanken daran.
Was aber ist mit dem, für den wir von Anfang an ein gläsernes Geschöpf waren? Mit dem, der uns von Anfang an Gedacht hat. Dem, der uns genau kennt. Dem, der nicht nur weiß, dass wir gerne Schokopudding im Supermarkt kaufen, sondern dem, der weiß, dass wir uns seit Tagen den Kopf darüber zerbrechen wie wir dem Nachbarn erklären, dass wir mit dem Streit um den Zaun nicht mehr leben können. Für den, von dem wir glauben, dass wir nicht bloß eine Datensammlung sind? Sondern ein wertvolles Geschöpf. Im Evangelium vom 3. Fastensonntag erlebt „Die Frau am Jakobsbrunnen“ genau das. Da ist einer, der tiefer schaut als jede Statistik, genauer weiß als jeder Algorithmus. Einer, der mein Sitzen und mein Aufstehen versteht, der meine Gedanken von ferne erkennt. Und doch ist dieses Wissen kein kaltes Protokollieren, kein Speichern in einer himmlischen Cloud. Es ist ein Wissen aus Liebe.
Während wir bei Unternehmen oft fragen: Was geschieht mit meinen Daten? Wer profitiert davon? Zu welchem Zweck werden sie gesammelt? – dürfen wir bei Gott wissen: Er kennt uns nicht, um uns auszunutzen, sondern um uns zu retten. Er durchleuchtet nicht, um zu kontrollieren, sondern um zu heilen. Der gläserne Mensch in unserer Gesellschaft fühlt sich bedroht, weil Transparenz hier Macht bedeutet. Wer alles über mich weiß, hat Einfluss auf mich. Doch Gott kennt alles über mich – und hat sich entschieden, seine Macht nicht gegen mich, sondern für mich einzusetzen. Am Kreuz von Jesus Christus wird genau das sichtbar: Gott weiß um meine Abgründe, um meine Widersprüche, um mein Versagen. Und dennoch sagt er Ja zu mir.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Die digitale Welt sammelt Daten, um Profile zu erstellen. Gott sieht das Herz, um Beziehung zu schenken. Die KI lernt Muster, um Verhalten vorherzusagen. Gott kennt meine Wege, um mich zu begleiten – auch durch Irrwege hindurch.
Es ist ein tröstlicher Gedanke: Ich muss Gott nichts vorspielen. Ich brauche keinen Filter, kein perfektes Profilbild, keine optimierte Selbstdarstellung. Er kennt die ungefilterte Version meines Lebens. Die Zweifel, die ich nicht ausspreche. Die Fragen, die ich verdränge. Die Sehnsucht, die ich kaum benennen kann.
Und mehr noch: Ich bin nicht nur durchleuchtet, ich bin gewollt. Schon bevor ein Gerät meinen Herzschlag misst, hat Gott mein Herz gebildet. Schon bevor eine App meine Schritte zählt, hat er meine Wege gesehen. Ich bin kein Produkt, kein Nutzer, keine Zielgruppe. Ich bin sein Geschöpf.
Vielleicht kann der Sonntag genau dazu einladen: einen Moment lang auszusteigen aus der permanenten Selbstvermessung. Nicht ständig besser, schneller, effizienter werden zu müssen. Sondern sich ansehen zu lassen – von dem, der mich kennt und dennoch oder genau deswegen liebt.
Rebekka Redinger-Kneißl,
Direktorin im Haus der Begegnung HEILIG GEIST
Referentin für die Priester der Weltkirche
3. Fastensonntag 2026 — Evangelium Joh 4,5−42



