Foto: Rebekka Redinger-Kneißl
"Wir machen unsere Sachen selber. Und wenn wir (noch) nicht wissen wie, dann lernen wir es." Mit dieser Grundphilosophie führte der Tittmoninger Unternehmer Hans Rosenberger seinen Betrieb von einer kleinen Fertigungsanlage mit 80 Angestellten am Standort Fridolfing zum Weltmarktführer in Sachen Koax-Steckverbindungen mit 15.000 Beschäftigten weltweit und rund 2 Mrd Euro Umsatz jährlich. Der 73-jährige war der Überraschungsgast beim ersten Kairos im Jahr 2026.
Es sei eine Überraschung und eine Ehre gewesen als Ludwig Raischl ihn kontaktiert und zum Kairos eingeladen hatte, gibt Hans Rosenberger an. “Was soll ich denn da erzählen?”, habe er sich gedacht, doch Ludwig Raischls Beharrlichkeit habe ihnen schließlich überzeugt. Und als Mensch mit humanistischer Ausbildung sei der Kairos natürlich für ihn kein Unbekannter.
So erzählt Rosenberger von vielen Kairos Momenten, die sein Leben und vor allem sein unternehmerisches Wirken maßgeblich mit beeinflusst haben: Seine Eltern hatten die Firma Ende der 50er Jahre gegründet und fertigten Metallteile für MAN, Zahnrad in Passau oder auch Esterer in Altötting an. Seine Mutter war für das kaufmännische verantwortlich, der Vater der Techniker. “Wenn der Vater eine neue Maschine haben wollte, musste der Verkäufer erst mit einem Blumenstrauß bei der Mutter vorstellig werden”, so bringt Rosenberger die rund 80 Zuhörenden zum Schmunzeln. Als eine Fridolfinger Firma Konkurs anmelden muss, will der Vater eigentlich nur eine Drehmaschine aus der Konkursmasse erwerben. Doch Mitarbeiter überzeugen ihn, die Belegschaft der Firma zu übernehmen und mit ihnen einen Auftrag für Stecker für Telefunken fertigzustellen. Rosenbergers Vater hatte vielleicht keine Ahnung von Hochfrequenztechnik, aber er hatte die günstige Gelegenheit erkannt und zugegriffen.
Das sei eigentlich das Entscheidende im erfolgreichen Unternehmertum, sagt Rosenberger: Gelegenheiten zu erkennen und sie zu ergreifen. Strategien und Pläne seien zwar in aller Munde, doch der deutsche Mittelstand baut eigentlich auf andere Faktoren. Bei 3,4 Mio. mittelständischen Unternehmen, die die tragende Kraft der deutschen Wirtschaft bilden, gehe es vor allem um langfristige Orientierung, nicht um erfolgreiche Quartalsberichte und ständig gute Presse. Der Mittelstand verhält sich lieber ruhig und taucht gar nicht so gern in der Presse auf.
Der Kunde muss im Mittelpunkt stehen und der Mittelstand ist in Nischen aktiv, um dort besonders und speziell zu sein. So erfolgt eine unauffällige Positionierung, nicht dort, wo “die Elefanten” tanzen. Wenn man in der Nische wachsen will, dann geht das nur über “global focusing” — die Ausdehnung auf viele Länder. Rosenberger ist mittlerweile mit Standorten auf allen Kontinenten, außer Australien, vertreten und hat sich dort an die jeweiligen Märkte angepasst. So wurden sie wie viele deutsche Mittelständler zu einem sogenannten “hidden champion” — einem Weltmarktführer im Verborgenen. Ihre Stecker finden sich in Fahrzeugen, Fernsehmasten und militärischen Abschirmanlangen. Dass dahinter Rosenberger aus Fridolfing steckt, dürfte dabei nur Insidern bewusst sein.
Ein Schlüssel für die Unternehmensführung ist laut Rosenberger das Prinzip des Anstands. Er zitiert Seneca mit den Worten: “Anstand fängt dort an, wo das Gesetz aufhört.” Das impliziert das Vorleben einer Wertestruktur: Vertrauen, Respekt, Höflichkeit, Fairness, miteinander Spaß zu haben und überwiegend gerne zur Arbeit zu kommen. Lange Betriebszugehörigkeit prägt ebenso das innerbetriebliche Klima. Dabei geht es nicht immer nur um wirtschaftliche Aspekte, sondern ein Unternehmen ist dabei auch eine soziale Verantwortungsgemeinschaft. Die Mitarbeiter sind dabei nicht nur Mittel zum Zweck. Das Unternehmen hat für sie dabei weder einen Erziehungsauftrag noch einen Therapieauftrag. Man muss die Menschen nehmen wie sie sind, aber man kann sie mit Stallgeruch ausstatten. Rund 170 – 180 junge Menschen bildet Rosenberger allein in Fridolfing aus. “Das sind Menschen mit denen wir wachsen können”, sagt der Seniorchef.
Wichtig ist außerdem eine Fehlertoleranz. Es geht auch Vieles daneben. Aber es ist gut, dass wir es probiert haben. “Natürlich muss man sich das auch leisten können”, gibt er zu. Dazu gehört außerdem die sokratische Ataraxia — die Gelassenheit und die offene Kommunikation, auch in harten Zeiten. Wir haben schon so viel zusammendurchgestanden, da packen wir das jetzt auch. Auch wenn wir manchmal den Gürtel enger schnallen müssen. “In meinen 50 Jahren hat es keine einzige betriebsbedingte Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen gegeben”, betont Rosenberger nicht ohne stolz. So wissen die Mitarbeiter: Wir können uns auf unseren Arbeitgeber verlassen.
“Und wie sieht es mit der familiären Nachfolge aus?”, wollen die Zuhörenden am Ende des kurzweiligen Vortrags wissen. “Wir haben unseren Kindern immer die Freiheit gelassen und sie nirgendwo hineingedrängt”, bestätigt auch Rosenbergers Frau mit einem Nicken. “Bei mir war das noch anders. Da war der Weg schon klar vorgegeben. Und es ist auch nicht immer klug einen Nachfolger ganz an die Unternehmensspitze zu setzen, automatisch, weil er aus der Familie kommt, dafür aber vielleicht gar nicht die notwendigen Kapazitäten hat”, warnt Rosenberger. Da ist es wieder einmal wichtiger, lieber auf den Kairos zu warten und eine sich ergebende Gelegenheit zu ergreifen und gut zu nutzen.
„Anstand fängt dort an, wo das Gesetz aufhört.”



