Evi Wendlinger
Eine tröstliche Zusage: Bei Gott ist ein Platz für jede und jeden vorbereitet, und Jesus führt sicher dorthin.
In Zeiten der Verunsicherung ermutigt Jesus seine Jünger, auf ihn zu vertrauen und in der Beziehung zu Gott Halt zu finden. Er selbst zeigt, wie das geht.
Haben Sie eine Lieblings-Bibelstelle? Der Text, der an diesem Sonntag gelesen wird, gehört zu meinen: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14,1 – 12). Dieses Bild, dass bei Gott schon ein Platz bereitet ist und Jesus uns entgegenkommt, um uns abzuholen, finde ich tröstlich. Wer abgeholt wird, kann sich nicht verlaufen; der Abholende kennt den Weg. Die Wohnung ist vorbereitet – ich werde erwartet. Jesus spricht diese Worte in einer Zeit großer Verunsicherung. Sein Abschied steht unmittelbar bevor, die bevorstehende Trennung hat die Jünger unerwartet getroffen und zutiefst verunsichert. Sie fragen sich, wie sie ohne ihn in einer Welt voller Anfeindungen und Bedrohungen bestehen können. „Euer Herz lasse sich nicht verwirren“, beginnt Jesus seine mutmachende Rede. Trotzdem verstehen die Jünger die Situation nicht; für sie wirkt alles ungewiss und es bleibt unklar, wie es weitergehen soll. Jesus erinnert sie an ihre tiefe Verbundenheit mit ihm. Thomas zeigt er, dass er, indem er seinen Blick auf Jesus richtet, den Zugang zu Gott finden und damit eine Antwort auf seine Suche entdecken kann. Alles, was die Jüngerinnen und Jünger mit Jesus erlebt und erfahren haben, steht in dieser wechselseitigen Beziehung zwischen Jesus und Gott. An Jesus zu glauben heißt, selbst immer mehr in diese Einheit mit Gott hineinzuwachsen. Die Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 6,1 – 7) zeigt, wie diese Gemeinschaft konkret Gestalt annimmt. Inmitten von Spannungen und Ungerechtigkeiten innerhalb der jungen Gemeinde wird Verantwortung geteilt, werden Dienste neu geordnet, damit niemand übersehen wird. Der Glaube bleibt nicht abstrakt, sondern wird sichtbar im achtsamen Miteinander und im Einsatz für die Schwächeren. Auch das gehört zu den „Wohnungen“ Gottes: Räume, in denen Menschen füreinander sorgen und Gemeinschaft lebendig wird. Der erste Petrusbrief (1 Petr 2,4 – 9) führt dieses Bild weiter: Wir selbst werden als „lebendige Steine“ bezeichnet, die zu einem geistigen Haus aufgebaut werden. Christus ist der Eckstein, auf den alles gegründet ist. Das heißt: Die vielen Wohnungen im Haus des Vaters sind nicht nur vorbereitet – wir selbst sind Teil dieses Hauses. Jeder und jede hat einen Platz und eine Würde, getragen von Gottes Zusage: ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum. Es gibt es viele Wege und Formen dieses Seins mit Gott – viele „Wohnungen“. Gottes Reich ist kein Ghetto, Gottes Reich ist Leben in Fülle. Es ist ein offenes Haus, das wächst, weil Menschen sich von Christus tragen lassen und selbst tragend füreinander werden. In diesen verunsichernden Zeiten darf ich mir im Schauen auf Jesus den Rücken stärken lassen, im Schauen darauf, wie er Gottes Liebe gelebt und verkündet hat. Diese Haltung darf ich weitertragen, im Vertrauen darauf, dass auch mein kleiner Beitrag Teil dieses großen Hauses Gottes ist. Und weil meine menschlichen Möglichkeiten dabei begrenzt sind, kommt mir Jesus entgegen und holt mich ab – zum Bleiben im Haus seines Vaters.
Brigitta Neckermann-Lipp, Haus der Begegnung HEILIG GEIST



